Die grossen Arkana der Klasse Katharina Fritsch

von Milovan Farronato

 

Die grossen Arkana bestehen aus 21 Karten zuzüglich einer nicht nummerierten Karte (Der Narr). Wenn man die Blätter des Tarot untersucht, kommt man nicht um den platonischen und neoplatonischen Sinn umhin, also darum, ob es sich dabei um eine populäre Deutung von elitären Texten handelt. Es sind Bilder und Symbole, deren Nebeneinanderstellung neue Bedeutungen hervorbringt. Für mich stellen sie die Struktur und das narrative Mittel für die Auslegung der ausgestellten Arbeiten dar. Welche Arkana (Inhalte) wurden nur scheinbar zufällig aus dem Kartenspiel von Katharina Fritsch gezogen?
Einleitend stelle ich mir einen violetten Vorhang vor, der sich vor einem schwarz weissen Hintergrund öffnet. Diese Öffnung offenbart den Blick auf eine weitere Öffnung (das Bild dahinter stellt nämlich einen weiteren, mit der Zeit verblassten Zugang dar, der, wahrscheinlich in Lebensgrösse, auf irgendeine Strasse blickt). Ein offener Vorhang, der vielleicht auf eine Erinnerung verweist. Über die Schwelle treten oder vorher stehen bleiben? Eindringen oder an der Oberfläche verweilen? Mit seiner Arbeit stellt uns Franz Schmidt vor die Wahl, vor einen Scheideweg zwischen dem Innen und dem Aussen, einer angedeuteten Zweidimensionalität und einer Dreidimensionalität, die zum Bild wird. Hier wurden die Liebenden Gezogen, eine zweideutige Karte, deren Bedeutung weit über den Schein und die anfängliche Verführung hinausgeht.

Das Werk von Angela Schilling untersucht hingegen die Qual und den Rausch; sie stellt Übergangssituationen dar, Momente der Unterbrechung. In Ihrem Werk "the bull rises" friert sie einen Moment der Panik ein, während "Woodward Avenue" einen freien Fall darstellt. Ein kleiner Zinnvogel, den man von hinten sieht, ist kopfüber mit ausgebreiteten Flügeln an der Wand aufgehängt. Die Ikonographie des Gekreuzigten liegt auf der Hand. Um schliesslich eine nicht ganz wohlgesinnte Tirade abzuschliessen, ziehe ich Marie-Alice Kammer hinzu, deren Arbeit wissentlich in der Ordnung verweilt, um dann oft in der "Logik des Deliriums", der Overinclusion zu versinken. Ordnung und Unordnung, die sich gegenseitig helfen. Im Werk "I need a place to go" drängt sich die Unordnung gemeinsam mit einer unerwarteten Vertikalisierung auf, die das explizite Trauma des Turms darstellen könnte.

Nach dem Trauma, der Qual der Unordnung, sollte man besser nach einer grösseren Spiritiualität bzw. einem Gefühl des Friedens, einem Zustand der kontemplativen Ruhe streben. Eine dieser Stimmungen, die nur die zweite und die fünfte Karte des Spiels bedeuten können. Vielleicht die seltsamen Raumschiffe von Julia Laupus, die eigentlich mehr wie riesige Lippenstifte mit unwahrscheinlichen Fundamenten und Antennen aussehen... oder die Poesie der kleinformatigen Fotografie von Hanna Hummel mit dem Titel:"But soft, what light through yonder window breaks? Is it the east and Juliet is the sun" oder vielleicht sogar die Muttergottes, deren Herz wirklich mit göttlichem Licht pulsiert, von Kristin Wenzel, eien Maria, die ihr Tuch dort öffnet, wo ihre innerste Wärme liegt. Aber die Produktion aller drei genannten Künstlerinnen umfasst stets etwas, das die Betrachtung mit einem unergründlichenZustand desUnheils verbindet... der todbringende Schwalbenflug von Julia, die Tabernakel mit den Elixieren von Kristin, die unbewohnten und unwirtlichen Überbleibsel in bestimmten Fotografien von Hanna.
Um wirklich etwas "Heiteres" zu finden, mussman über das Foto von Tobias Przybilla stolpern, dass man mit folgendem Titel versehen könnte: "Die Natur, der Mann und seine Bräune". Er wird von der sonne geküsst, könnte aber doch auch ein resoluter Kaiser sein, oder nicht? Zu lasziv zu liegend, um sich zu erheben und die Karte XX gleichberechtigt darzustellen: die Natur ist vorherrschend, er sieht aus wie eine Miniatur, ein kleiner hilfloser Big Jim oder der Wurm im zweiten Lied der Zofe von W.B.Yeats, Mexican style, auf einem Badehandtuch liegend.
Und es gibt keine Wärme ohne darauf folgende Abkühlung(um die Bipolarität de Lebens und damit seiner Darstellung zusammenzufassen)! Auf der Suche nach dem XIII. Arkanum, dem Tod, weise ich darauf hin, dass ich des Öfteren auf irgendwie bedrohliche Botschaften gestossen bin. Aber wer kann eingehend den Tod betrachten? Vielleicht das Gefängnis von Mercedes Neuß, in dem sich zwei Exemplare von Vögeln den Begrenzten Raum einer schwarzen Witwe teilen: Schwarz das sich rot färbt! Oder vielleicht der Tote von Miriam Jonas - schlafend oder tot? Auf einem unpassenden Lager entlang des Horizonts einer unwirtlichen Landschaft ruhend, gelb gefärbt und mit einem Laken als pathologisches Omen verschleiert. Ein Vorzeichen des Todes könnte aber auch die Gruppe von Gero Meisterjahn sein, ein katzengleicher General mit einer Gruppe clownhafter Menschenaffen, die mit Kanonen, Bajonetten und Trommelwirbeln bewaffnet sind (vielleicht ein Symbol für die Dynamik und Kraft;diese sind jedoch vielmehr auf Zerstörung gerichtet als ein Ausdruck von Mut: eine blinde Hartnäckigkeit!). Ich zweifle an der Zuschreibung des detaillierten Werks von Mazakazu Kondo: kalligraphisch, irgendwie weiblich. Schlangenschuppen schienen die Federn einer von Innen heraus rot erleuchteten Möwe zu durchstechen und zu durchdringen. Wieder der Tod? Oder vielleicht eher die Weiblichkeit, also der Mond in seiner verführerischen trügerischen Art, seiner unaussprechlichen Zweideutigkeit. Die auf ihr mögliches postatomares Exoskelett reduzierte Welt stammt von Marius Wübbeling. Vielleicht die Welt für einen Einsiedler? Fossilien, Spuren, Schichten, Pfahlbauten, die von einer wahrscheinlichen Mässigkeit bevölkert sind, ruhig und sanftmütig, melancolisch und undefinierbar, wie das Arkanum, das sie idendifiziert und wie die Personen, die die Bilder von Philippa Schöne beleben. Es gibt keinen Zustand der Begeisterung, keine Spur von Odern, aber man kann einen Versuch des Aushaltens erahnen. Gebettet(es sind vorwiegend Frauen), mit dem Blick nach vorn, anderswohin, durch unsere Augen hindurch, gerichtet. Eine auf Ihre Ektoplasma reduzierte Welt wird in der surrealen Landschaft von Annika Burbank dargestellt, eine bergige und rauhe Landschaft, die im Inneren den Wunsch den Wunsch nach Reisen und Abenteuer hegt, der durch einen Kampfgeist belebt wird, der uns erlaubt, die Form eines Wagens zu erkennen, der auf ein unerwartetes angestrebtes und optimistisches Ziel gerichtet ist. Eine weitere weibliche Präsenz in diesem desolaten Kotext ist jene von Kachina Schanz: vielleicht eine getarnte Kaiserin, die sich von hinten zeigt und mit einer entsprechenden Rüstung ausgstattet ist. Eine eiserne Dame ohne Kopf die entschieden schreitet und den Blick verweigert. Schwer zu verstehen ist die Skulptur von Damaris Kerkhoff, der ich die Rolle der Sterne zuweisen würde. Eine geheimnisvolle Karte,die das reinigt, was sie umgibt. Über allem steht das scheinbar akustische Gericht der Installation von Jana Guerrero Lara. Man müsste Ihren harmonischen Klang anhören in den zeitweiligen oder dauerhaften Schweigepausen, um zu verstehen, ob die Karten dieses Satzes gezogen wurden, um ein Schicksal eine positive, eine nahe Zukunft vorherzusagen oder ob sie, wie es scheint, auf der dunklen Seite der Existenz verweilen.